Als Otterndorf zum Nordseebad wurde

Ein Beitrag von Stadtdirektor Harald Zahrte


Begonnen hatte alles 1989 mit einem Gespräch in der Bezirksregierung Lüneburg. Dort äußerten die Vertreter der Stadt erstmals den Wunsch, Otterndorf möge als Nordseebad anerkannt werden. Die damalige Dezernentin der Bezirksregierung äußerte sich jedoch sehr zurückhaltend, weil nach ihrer Auffassung Otterndorf weder Kurortcharakter aufwies, noch an der Nordsee liege. Damit schien die Sache zunächst vom Tisch. Erst 1991 kam die Angelegenheit wieder ins Rollen, als nämlich der damalige Regierungspräsident Imgart darauf hinwies, er sähe die Chancen der Stadt Otterndorf auf Anerkennung als Nordseebad als gut an.

Es folgte eine erneute Antragsstellung bei der zuständigen Bezirksregierung Lüneburg. Nun begann das eigentliche Verfahren. Die Bezirksregierung teilte mit, aus regionalplanerischer Sicht bestünden keine Bedenken gegen eine Anerkennung, jedoch seien nach ihrer Einschätzung die formalen Voraussetzungen der Kurort-Verordnung nach wie vor nicht gegeben, denn danach müssten Seebäder an der Küste oder in deren unmittelbarer Nähe liegen.

Um zu entscheiden, ob die Elbmündung bei Otterndorf der unmittelbaren Meeresküste zuzurechnen ist, wurde eine Stellungnahme des damaligen Staatlichen Amtes für Wasser und Abfall Stade eingeholt. Die Feststellungen ergaben, dass das Ufer auf der Höhe Otterndorfs bei Ebbe dem Brackwassereinfluss (Abflusswasser der Oste) ausgesetzt sei. Die Messergebnisse zeigten aber außerdem, dass der Salzgehalt des Elbwassers vor Otterndorf noch nicht ein Drittel der Konzentration erreicht habe, die an der Messstelle Scharhörn vorzufinden seien. Zusammenfassend stellte die Bezirksregierung erneut fest, dass Otterndorf am Elbtrichter liegen würde, dieser aufgrund seiner Wasserbeschaffenheit aber der Elbe zuzurechnen sei und somit die Voraussetzung „unmittelbare Lage an der Nordseeküste“ nicht erfüllt sei.

Die Stadt konterte 1996 jedoch mit einer vom Land selbst vertretenen höchstrichterlichen Auffassung des Bundesverwaltungsgerichtes (BverwG 4 A 1.78 – BverwGE 64/29). Danach verläuft die Gemeindegrenze an der mittleren Tidehochwasserlinie (MTHW-Linie) und nicht, wie dies an Flüssen der Fall ist, in einer Flussmitte. Die Ostemündung sei die Grenze des Küstenmeeres, was sich aus dem großen Mündungstrichter ergäbe (Schreiben des Bundesministers des Innern vom Februar 1987). Aus nautischer Sicht beginne die Elbe im Übrigen weit westlich vor Cuxhaven. Auch aus geologischer Sicht sprechen die Wattflächen vor Otterndorf und die großflächigen Wattgebiete auf der gegenüberliegenden schleswig-holsteinischen Seite dafür, dass es sich nicht mehr um eine Flusslandschaft handele, sondern bereits um Gewässer vor einer Meeresküste.

Schließlich nach vielen Gesprächen mit der Bezirksregierung, einigen Lokalterminen in Otterndorf, in denen den Vertretern der Bezirksregierung die Situation vor Ort dargelegt wurde (auch an schönen Sommertragen), wurde seitens der Bezirksregierung im Oktober 1995 mitgeteilt, das erforderliche Merkmal „Lage an der Meeresküste“ könne als erfüllt angesehen werden, zumal auch der damalige Fremdenverkehrsverband Nordsee, die Industrie- und Handelskammer Stade und der Landkreis Cuxhaven sich für Otterndorf eingesetzt hatten und in zwischenzeitlich eingeholten Stellungnahmen das Merkmal „Lage an der Küste“ als gegeben beurteilten.

Damit war eine große Hürde auf dem Weg zur Anerkennung übersprungen. Gleichwohl, es sollte noch ein langer beschwerlicher Weg vor uns liegen. Zunächst waren der Bezirksregierung die bisherigen gutachterlichen Aussagen zu den lufthygienischen Verhältnissen in Otterndorf nicht ausreichend genug. Es wurde eine einjährige Untersuchung der Luftqualität gefordert, weil nicht auszuschließen sei, dass der für ein Nordseebad erforderliche Grenzwert im Innenstadtbereich wegen der Verkehrsdichte der B 73 überschritten werden könnte.

Wieder würde also ein Jahr vergehen müssen, um den Nachweis der Luftqualität bezüglich der Aerosol und NO2 (Gas-)Anteile erbringen zu können. Mit den Messungen wurde der Deutsche Wetterdienst (DWD) beauftragt. Es wurden im Herbst 1996 drei Messstationen im Stadtgebiet installiert und mit den Messungen konnte begonnen werden. Nach dem Abschluss wurde mit großer Spannung die gutachterliche Auswertung der Messreihe durch den DWD und die Empfehlung erwartet.

Dann im Januar 1998 war es soweit. Im Ergebnis bestätigte der DWD in seinem Klimagutachten, dass Otterndorf die lufthygienische Voraussetzung für ein Nordseebad erfülle.

Wieder war eine große Hürde genommen. Aber da seit der ersten Antragstellung einige Jahre ins Land gingen, forderte die Bezirksregierung, dass auch die übrigen Voraussetzungen für die Anerkennung neu nachgewiesen werden müssten. So wurde eine aktuelle Stellungnahme des Gesundheitsamtes gefordert und der Nachweis sei zu führen, dass neben ausreichend hygienisch einwandfreien Unterkunftseinrichtungen ein gepflegter und überwachter Badestrand mit Nebeneinrichtungen, strandnahen Promenaden- und Wanderwegen sowie Möglichkeiten für Sport und Spiel vorhanden seien. Zur örtlichen Überprüfung der Voraussetzungen, insbesondere des Kurort-Charakters und der artgemäßen Kureinrichtungen wollte man noch eine Ortsbesichtigung vornehmen. Aber diese formalen Vorgaben fürchteten wir nicht mehr, sondern die erbetenen Unterlagen wurden prompt beigebracht. Danach erfolgte im April 1998 die angekündigte erneute Ortsbesichtigung durch die Vertreter der Bezirksregierung und im Ergebnis sah die Bezirksregierung die Voraussetzungen für die Anerkennung als Nordseebad als erfüllt an.
Aber hierfür sei noch ein entsprechendes Votum eines Gremiums, des Ausschusses für die Anerkennung von Kurorten, der sich aus hochrangigen Vertretern von anerkannten Kur- und Heilbädern Niedersachsens zusammensetzt und bei der Bezirksregierung Hannover zweimal jährlich tagt, erforderlich.

Am 29. Juli 1998 war es dann so weit, die Anerkennung Otterdorfs als Nordseebad wurde von der Bezirksregierung Lüneburg als Tagesordnungspunkt bei dem Ausschuss für die Anerkennung von Kurorten angemeldet. Gemeinsam mit Herrn Dezernenten Heinze von der Bezirksregierung Lüneburg erschienen Frau stellvertretende Bürgermeisterin Hannelore Brüning und ich vor dem Ausschuss in Hannover. Und dann wieder eine Enttäuschung. Der Ausschuss war aufgrund der Abwesenheit einiger Mitglieder nicht beschlussfähig. Sollten wir wieder ein halbes Jahr warten müssen? Nein, die Tagesordnung wurde beibehalten, die fehlenden Stimmen würden im Umlaufverfahren eingeholt werden. Endlich, es sollte losgehen. Und in der Tat. Die Präsentation Otterndorfs vor dem Ausschuss hatte Prüfungscharakter.

Nach dem Vortrag von Herrn Dezernenten Heinze wurden Frau Brüning und ich auf Herz und Nieren über die Qualitäten Otterndorfs als Nordseebad befragt. Auf die Frage des Ausschussvorsitzenden Prof. Dr. Lechner aus Norderney, ob Otterndorf einen Sandstrand hätte, denn „zu einem Nordseebad würde schließlich ein ordentlicher Sandstrand gehören“ mussten wir doch einen Moment überlegen, aber schließlich antworteten wir unisono und couragiert „selbstverständlich, schließlich böte das Watt bei Ebbe enorme Sandmengen für die Gäste.“ Diese Aussage stellte den Ausschussvorsitzenden offenbar zufrieden und uns wurde nach einigen weiteren Fragen bedeutet, dass die weitere Beratung ohne unsere Mitwirkung erfolgen würde. Voller Spannung warteten wir im Foyer der Bezirksregierung Hannover auf das Ende der Sitzung. Schließlich erschien Herr Heinze und teilte uns mit, dass sich der Ausschuss zwar für die Anerkennung Otterndorfs als Nordseebad ausgesprochen habe, aber eben noch die fehlenden Voten der übrigen nicht anwesenden

Ausschussmitglieder eingeholt werden müssten. Dies könnte erfahrungsgemäß noch einige Wochen dauern. Es sei ja Urlaubszeit. Tja, und so war es auch. Aber und endlich, im August war es dann so weit, uns erreichte zunächst auf telefonischem Wege die Nachricht, dass die erforderlichen Stimmen zwischenzeitlich vorlägen und nunmehr der Anerkennung Otterndorfs als Nordseebad nichts mehr im Wege stünde.

Es war geschafft, das Ziel erreicht und mit Stolz konnte Bürgermeister Hermann Gerken am 16. September 1998 die am 07. September 1998 ausgestellte „Erlaubnis zur Führung der Artbezeichnung ‚Staatlich anerkanntes Nordseebad‘ für den Ortsteil Otterndorf“ von der Regierungspräsidenten Ulrike Wolff-Gebhardt anlässlich einer Feierstunde im historischen Rathaus in Empfang nehmen.

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